Philosophie

FOTOGRAFIE IST DIE ANDERE BETRACHTUNGSWEISE DEN LEBENS.



Fotografisch sehen heisst, Möglichkeiten erkennen:

die Dinge nicht so sehen, wie sie sind, sondern sie sich vorstellen, wie man sie bildlich darstellen könnte. Diese Art des Sehens hängt ebenso sehr vom geistigen Auge ab wie von dem eigentlichen Auge. Sie setzt Fantasie voraus. Die Kraft, sich vorzustellen, was man aus einem Gegenstand oder einem Ereignis machen kann, wie man es aus seiner Umgebung lösen kann, wie man es charakterisieren, verdichten und am Ende in der grafisch wirkungsvollsten Form darstellen kann.

Fotografisches Sehen ist vielleicht die stärkste Einflussmöglichkeit, die ein Fotograf hat, um den Eindruck seiner Bilder zu verbessern.


Das grösste Missverständnis

Das vielleicht grösste Missverständnis über die Fotografie kommt in den Worten "die Kamera lügt nicht" zum Ausdruck. Genau das Gegenteil ist richtig.
Die weitaus meisten Fotos sind "Lügen" in dem Sinne, daß sie nicht vollkommen der Wirklichkeit entsprechen: sie sind zweidimensionale Abbildungen dreidimensionaler Objekte, Schwarz-Weiss-Bilder farbiger Wirklichkeit, "starre" Fotos bewegter Objekte. Jedes Foto, das "nichts" geworden ist, jedes Bild, das für den Fotograten eine Enttäuschung war, weil es nicht das ausdrückte, was er sagen wollte, ist ein Beispiel dafür.
Und doch ist jedes Foto gleichzeitig eine getreue und authentische Wiedergabe eines Objekts oder eines Geschehnisses in dem Augenblick der Aufnahme.
Dieses scheinbare Paradoxon erklärt sich dadurch, daß ein Foto eine authentische Abbildung alles Sichtbaren ist, das im Bereich des Objektives lag (gleichgültig, ob dies interessant oder langweilig, grafisch wirkungsvoll oder schwach ist), dass es aber nicht von selbst abstrakte Eigenschaften des Objekts enthält. die vielleicht wichtiger sind.


Positive Kameralügen

Wenn ein Fotograt erst einmal die Uberzeugung gewonnen hat, dass die Kamera lügen kann und dass streng genommen die überwältigende Mehrzahl aller Fotos "Kameralügen" sind (insofern sie nur einen Teil einer Geschichte oder diese verzerrt erzählen}, ist schon viel gewonnen.
Dann kann er nämlich eingestehen, daß die Fotografie nicht "naturalistisches" Darstellungsmittel ist, und weiss deshalb, daß das Streben nach "Naturalismus" bei einem Foto nutzlos ist. Er kann dann seine Aufmerksamkeit darauf verwenden, eine Kamera so zu benutzen, daß er wirkungsvollere Bilder macht, denn "fotografisch lügen" ist nicht unbedingt etwas Negatives. Es besagt nur, dass zwischen einem Foto und dem abgebildeten Objekt ein Unterschied besteht.

Text ist von Andreas Feininger (1906-1992) aus dem Buch "die Neue Fotolehre" von 1965. Ich bin überzeugt davon, dass er Recht hat und lebe danach...